Das Wort, das in Uganda keiner kennt

Wenn Ugander sterben, ist eine Todesursache getrost auszuschließen: Stress. Zu dieser waghalsigen These komme ich nach einer Woche in diesem Land. Und ich kann sie sogar belegen. Meine tiefgründigen Recherchen ergaben nämlich: das Wort gibt es überhaupt nicht. 

Rupert, unser Fahrer, ist meine erste Quelle des Vertrauens. Sechs Tage lang steuerte er einen Toyota-Van über Stock und über Stein. Das darf gerne wörtlich genommen werden. Die Schlaglöcher in Uganda eignen sich teilweise hervorragend zum Baden von mehreren Kleinkindern. Auf das Wort „Straße“ verzichte ich an dieser Stelle bewusst, weil nicht alles worauf wir gefahren sind, eindeutig in diese Kategorie passt.

Nachts jedenfalls schlief Rupert im Auto, tagsüber fuhr er uns querfeldein. Essen sah ich ihn fast nie. Seine Engelsgeduld war dafür unübersehbar. Während ich auf dem Beifahrersitz bei Hitze gegen Kopfschmerzen kämpfte, strahlte Rupert meditative Ruhe neben mir aus. Doch als ich ihn fragte, wie er das englische Wort „Stress“ übersetzen würde, stiftete ich derartige Verwirrung, dass ich beschloss, er solle sich lieber aufs Fahren konzentrieren. Unter keinen Umständen wollte ich diejenige sein, die den ersten Stress bei ihm auslöste (oder so etwas Ähnliches).

Ugander, wie Männer und Frauen hier genannt werden, lassen sich Zeit. Das gilt vor allem bei der Begrüßung. Jeder, und immer, fragt dich, wie es dir geht. Und jeden solltest du das auch fragen. Das mag zunächst Amerikanisch klingen – ich denke an kaugummikauende Kassiererinnen, die bei jeder Nudelpackung ein schrilles „how are youuu?“ durch die Lippen pressen – aber es ist ganz anders.

Bei Ugander habe ich das Gefühl, sie wollen es wirklich wissen. Dafür nehmen sie deine Hand, beugen sich langsam nach vorne und schauen dir tief in die Augen. Schnell weg und weitergehen wie in Europa ist nicht drin. Die Hände bleiben solange ineinander verflochten, bis die Frage nach dem Befinden geklärt ist. In der Regel ist das übrigens „gut“ bis „sehr gut“. Zumindest kam mir noch nichts Gegenteiliges zu Ohren. Warum auch, Stress gibt es ja nicht.

Wer gerade Hoffnung hegt, er finde in Uganda die tiefe innere Ruhe, der irrt jedoch. Geduld färbt nicht ab. Vielmehr hat sich jeder um seine eigene zu kümmern. Für europäische Gestresste besteht deshalb Gefahr, die Symptome potenzieren sich. Mal schnell Essen-On-The-Go reinschieben, geht zwar, empfiehlt sich aber nur, wenn man anschließend Geduld auf der Toilette hat, falls unser zartbesaiteter Magen beim Streetfood nicht mitmacht. In Restaurants kann es dauern. Gut Ding will Weile, und in Uganda besonders. Frage ich nach einem extra Messer oder Teebeutel, bekomme ich diesen auf einem Teller serviert. Und bis der geholt ist – ihr könnt es euch vorstellen – übe ich mich in Geduld.

Besonders heikel ist die Situation in städtischen Gebieten, vorrangig auf Marktplätzen oder im Berufsverkehr. (Wobei an dieser Stelle klar sein sollte: eigentlich ist überall Markt und immer Verkehr).

Dazu ein Beispiel aus dem Nähkästchen: Am zweiten Tag unserer Reise fuhren wir gegen 8 Uhr morgens durch Arua. Die Kleinstadt ist wegen ihrer Nähe zu den größten Flüchtlingscamps Dreh- und Angelpunkt weltweiter NGOs und auch deshalb ziemlich belebt. Eigentlich wollten wir auf dem Weg zum Krankenhaus nur kurz ein Hühnchen bezahlen (ein lebendes wohlgemerkt). Eine Stunde schickten uns vermeintlich Ortskundige von A nach B und zu A zurück. Rückblickend muss ich in dieser Zeit permanent meinen Kopf aus dem Beifahrerfenster gehängt haben, um keinen Moment zu verpassen. Arua am Morgen gleicht einem Basar. Auf kleinen Stegen über Wassergräben sind Sofas aufgebaut. Neben der Kohle-Verkäuferin ist der Zwiebelstand. Es gibt Plastikrucksäcke, Sonnenbrillen, Petroleum-Kanister, Shea Butter und Badelatschen. Aus den Lautsprecher made in China dröhnt Shaggy aus den 90ern, während knatternde Motorräder den Beat untermalen. Buchstäblich alles, was das Herz begehrt, gibt es hier. Geduld, um die richtigen Dinge zu finden, die muss jeder selbst mitbringen.

Jetzt fragt ihr zu Recht: rein medizinisch gesehen hat jeder Mensch Stresshormone. Warum sollten Ugander eine Ausnahme sein? Um meine Recherche fundiert abzuschließen, habe ich einen Arzt konsultiert. Der Psychologe und Trauma-Experte Ocheka Richard Okot arbeitet mit Südsudanesen, um den Stress und damit die Folgen der Flucht abzubauen. Bei jedem Satz war ich Ohr. Das Wort „Stress“ fiel trotzdem nicht. Er benutzte stattdessen „Thinking Too much“. Ein bisschen weniger würde uns sicher auch nicht schaden.