Reiseblog No. 9 // Vom blinden Mann, der mir die Augen öffnete und der Frage: Was ist los im Südsudan?

Wer Krieg nur aus den Nachrichten kennt, kann die Tragödie kaum begreifen. Selbst mit eindrücklichen Reportagen und Fotos ist es schwer. Das ist kein Vorwurf, sondern vielleicht unser Glück. Die Begegnung mit einem Geflüchteten im Refugee Settlement „Imvepi“ im Norden des Landes gab mir eine leise Ahnung, welche Dimension der Bürgerkrieg im Südsudan hat.

Ein Mann saß auf dem Boden und grüßte, als ich an ihm vorbeiging. Seine wohlgeformten Gesichtszüge und strahlend weißen Zähne fielen mir sofort auf. Er lachte in meine Richtung – doch seine Pupillen starrten ins Leere. „Rebellen haben ihm auf der Flucht Säure in die Augen gekippt“, sagte ein Arzt, der neben mir auftauchte. „Im Südsudan war er ein erfolgreicher Geschäftsmann.“

Obwohl die Sonne knallte, war mir eiskalt. Als ich dem Mann meine Hand gab, drückte er sie fest. Ich war froh, dass er meine Tränen nicht sehe konnte. Viel fehlte nicht, da wäre auch er unter den über 50 000 Opfern gewesen, die seit 2013 starben.
„Das ist Krieg“, versuchte der Arzt mich zu trösten. „Solche Geschichten sind normal.“

Der blutige Konflikt ist nicht der erste in dem jüngsten aller afrikanischen Staaten. Seit fast 40 Jahren herrscht dort Krieg mit nur vereinzelten Unterbrechungen. Als das Land 2011 vom Sudan unabhängig wurde, hegten viele ernste Hoffnung auf Frieden. Zwei Jahre später eskalierte die Lage erneut.

Das Drama spielt sich größtenteils zwischen zwei Parteien ab: Die einen kämpfen auf der Seite der Regierungstruppen von Präsidenten Salva Kiir. Die Rebellen stehen unter der Führung des ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar. Nach der Unabhängigkeit entwickelte sich ein Machtkampf zwischen den beiden Männern, so dass der Präsident seinen Vize feuerte. Dieser lies das jedoch nicht auf sich sitzen, zwischen beiden Lagern brachen Kämpfe aus.

Was beide antreibt ist wie so oft die Gier nach politischer Macht. Dazu kommt die Kontrolle über die wertvollen Ressourcen des gebeutelten Staates. Der Südsudan besitzt große Ölvorkommen, die mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Vom Kuchen wollen beide etwas abhaben. Auch die ethnische Dimension spielt eine immer größere Rolle im Konflikt. Präsident Salva Kiir ist vom Volk der Dinka und Riek Machar gehört zu den Nuer – die beiden größten Ethnien des Landes. Deshalb entwickeln sich Kämpfe immer mehr zu einer Jagd auf Angehörige der Nuer, die verfolgt und hingerichtet wurden. Aus Angst flohen bereits mehr als eine Million ins Nachbarland Uganda.

Die Zukunft des Südsudans ist ungewiss, um nichts zu sagen „aussichtslos“, meint auch Lisa. Die Regierung rechne damit, dass die Südsudanesen über Generationen bleiben werden. „Anstelle von Flüchtlingscamps spricht man inzwischen von „Refugee Settlements“, also richtigen Siedlungen. Gerade deshalb sei es wichtig, Humanitäre Hilfe nachhaltig zu gestalten. Es geht nicht mehr darum, nur heute Brot zu geben, sondern den Menschen zu zeigen, wie sie ihr Getreide morgen selber anbauen können.

Das betrifft vor allem Frauen. Früher haben sie sich um erster Linie um die Kinder gekümmert. Durch den Krieg wurden viele über Nacht notgedrungen zu Geschäftsfrauen. „Immer wieder bleiben die Männer im Südsudan zurück, um sich um Land und Tiere zu kümmern“, sagt Lisa. In den Siedlungen bekommen die jungen Mütter ein Stück Land zugeteilt. Anbauen, ernten, Geld verdienen und nebenbei Kinder erziehen steht auf der Tagesordnung – ohne Ehemann, ohne Erfahrung, ohne Perspektive. Dafür in einem fremden Land und traumarisiert vom Krieg.

Was mag in den Köpfen dieser Frauen vorgehen? Was haben sie erlebt – und vor allem: können wir ihnen helfen? Wir können. Wie genau zeigte mir ein DAHW-Projekt in der Nähe von Moyo District.